Volksabstimmung in Oberschlesien

Vor 90 Jahren wurde das Selbstbestimmungsrecht mißachtet
 

Am 15. Juli 1921 beschwor Gerhart Hauptmann in einer Kundgebung der Parteien des Reichstages in der Berliner Philharmonie den Alliierten Rat, das Ergebnis der Volks­abstimmung zu achten und Oberschlesien nicht zu teilen. Der schlesische Literatur­nobel­preis­träger warnte vor einem neuen Weltbrand, wenn das Votum der Oberschlesier mißachtet würde. Der Appell blieb allerdings ungehört.

Der Leidensweg der Oberschlesier begann schon bald nach Bekanntwerden der Friedens­bedingungen der Sieger­mächte des 1. Weltkriegs am 7. Mai 1919, in denen die Abtretung der Provinz an Polen vorgesehen war. Die Empörung in Oberschlesien war groß. Vor allem in den großen Städten kam es zu Massenkundgebungen der deutschen Be­völkerung. Auf Betreiben des britischen Premierministers Lloyd George gelang es danach, gegen den Widerstand Frankreichs und den Protest Polens, eine Volksabstimmung in einem Großteil Oberschlesiens in Art. 88 des Versailler Vertrages aufzunehmen. Die polnische Seite hatte kein Vertrauen gegenüber der geplanten Abstimmung und versuchte deshalb, in drei so genannten Aufständen vollendete Tatsachen zu schaffen. Der oft gebrauchte Begriff „Auf­stände” ist falsch, denn es handelte sich nicht um Volkserhebungen polnisch gesinnter Oberschlesier, sondern um von polnischem Staatsgebiet aus inszenierte Aggressionsakte, die sich gegen das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung richteten. Bei den Polen rückte bei den Auseinandersetzungen Wojciech Korfanty, einer der vier aus Oberschlesien stammenden Reichstagsabgeordneten, in die zentrale Rolle des Agitators und Orga­ni­sa­tors der polnischen Gewalt auf deutschem Boden. Schon während der Beratungen über den Friedensvertrag stand er mit dem polnischen Verhandlungsführer in Paris, Roman Dmowski, in enger Verbindung. Am 28. Dezember 1919 ernannte ihn die Warschauer Regierung zum Leiter der pol­nischen Abstimmungskampagne, kurz vor dem überfall der pol­nischen Truppen auf deutsches Reichsgebiet am 2. Mai 1921 erhielt er durch den polnischen Verteidigungsminister Kazimierz Sosnkowski die Vollmacht, allein über Beginn und Verlauf der Aktion zu entscheiden. Korfanty widersetzte sich zunächst den For­derungen nach einem offenen Waffengang, da er auf einen Wahlsieg hoffte. Dies änderte sich erst nach der Abstimmungsniederlage.

Beide Seiten richteten Ende 1919 ihre Plebiszitkommissariate ein, aus denen heraus die Kampagnen geführt wurden. Korfanty tat dies von Beuthen aus, Kurt Urbanek, sein deutscher Widerpart, ließ sich in Kattowitz nieder. Von Beginn an bestand eine enge Kooperation Korfantys mit dem Oberkommando der 2. Polnischen Armee im grenznahen polnischen Sosnowitz, das für die Operationen in Oberschlesien zuständig zeichnete. Schon zwei Tage nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 plante die polnische Führung den Einmarsch in Oberschlesien, wurde aber von Korfanty noch davon abgebracht. Das Unternehmen sollte dann am 17./18. August 1919 nachgeholt werden, wurde aus Warschau jedoch mit Rücksicht auf die Weltmeinung im letzten Moment ge­stoppt. Aufgrund einer übermittlungspanne kam diese Nachricht nicht in der Beuthener Kommandozentrale an und die in Oberschlesien stehenden Insurgenten mußten ohne Unterstützung aus Sosnowitz losschlagen („1. Aufstand”). Es war vorgesehen, die Kreise Kattowitz, Beuthen, Hindenburg, Rybnik und Tarnowitz zu besetzen, was auch teilweise gelang. Deutsche Ordnungskräfte konnten aber schon am 20. August die eingenommenen Gebiete befreien. Der Mißerfolg war aber nicht allein auf die ausgebliebene Unterstützung aus Polen zurückzuführen. Entscheidend war vielmehr die fehlende Mitwirkung der Be­völ­kerung, die sich auch daran störte, daß die Kommandozentrale, wie auch die Führer der operativen Einheiten, zumeist mit Polen aus der Provinz Posen besetzt waren.

Als der Versailler Vertrag am 10. Januar 1920 in Kraft trat, zogen alliierte Besatzungs­truppen in das Abstimmungs­gebiet ein (13.000 Franzosen, 2.000 Italiener, 1.000 Briten). Die deutschen Sicherheitskräfte (Grenzschutz, Polizei, Militär) mußten im Gegenzug abgezogen werden. Lediglich eine deutsche Sicherheitspolizei von 3.500 Mann wurde dafür geduldet. Diese Truppe war nicht geeignet, die Bevölkerung vor dem sich stei­gern­den Terror polnischer Banden zu schützen. Die französische Besatzung erwies sich zudem als sehr tolerant gegenüber polnischer Gewalt, überließ den Insurgenten sogar Hand­granaten und Schuß­waffen und duldete die Waffen­zufuhr aus Polen. Deshalb kam es am 17. August 1920 zu der bislang größten deutschen Demonstration, und zwar vor dem Gebäude des französischen Kreis­kontrolleurs in Katto­witz. Als in die Menge geschossen und eine Hand­granate geworfen wurde, gab es 10 Tote und viele Verletzte. Obwohl die Täter nicht ermittelt werden konnten, kam es zu massiven Aus­schrei­tungen gegen Polen mit polnischen Opfern. Die Insur­genten nahmen dies zum Anlaß für einen neuen Waffen­gang. Korfanty, der immer noch Zurück­haltung üben wollte, geriet aber durch die Ereig­nisse und durch das Ober­kommando in Sosnowitz so unter Druck, daß er den Einsatz der polnischen Verbände an­ordnete, die diesmal auch durch Ein­heiten aus Polen unterstützt wurden. Der „2. polnische Aufstand” erfolgte in der Nacht vom 17./18. August 1920. Die Alliierten blieben bis auf die Italiener im Raum Ratibor weit­gehend passiv, sicherten ledig­lich die Zugänge in die großen Städte mit Panzer­sperren ab. Soweit die deutsche Be­völ­kerung nicht dahin fliehen konnte, war sie Mord, Brand­schatzung und Plünderung aus­gesetzt. Die polnischen Verbände eroberten schnell weite Gebiete. Der eklatante Bruch des Versailler Vertrages setzte Frankreich unter Druck der Verbündeten. Auch Korfanty fürchtete wiederum die Meinung der Weltöffentlichkeit und befahl gegen den Widerstand seiner Insurgentenführer am 24. August die Beendigung des „Aufstands”. Der Vorsitzende der Interalliierten Kommission, der französische General Henri le Rond, löste gleichzeitig die deutsche Sicherheitspolizei auf und setzte dafür eine ihm unterstellte paritätisch be­setzte Ab­stimmungs­polizei ein. Polnische Waffen­lager ließ er unangetastet. Trotz wieder­holten Vorgehens gegen den deutschen Selbstschutz (weitgehende Entwaffnung) konnte sich dieser festigen. Er nahm den Kampf gegen schwadronierende polnische Einheiten, vor allem die Hajok-Banden, auf. Diese hatten sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Bevölkerung durch brutale Gewalt einzuschüchtern.

Die Abstimmung war für den 20. März 1921 vorgesehen. Auf polnisches Betreiben wurden dreieinhalb Landkreise Oberschlesiens ausgeschlossen (Kreise Neiße, Grottkau, Falkenberg und der westliche Kreis Neustadt), weil hier mit einem 100 %igen Erfolg der Deutschen zu rechnen war. Stimmberechtigt war jede Person, die am 1. Januar 1921 das 20. Lebens­jahr vollendet hatte. Die Berechtigten wurden in vier Kategorien eingeteilt. Wer dort geboren war, konnte abstimmen, auch wenn er nicht mehr in dem Gebiet wohnte. Polen hatte zu­dem durchgesetzt, daß auch der berechtigt war, der vor dem 1. April 1904 in Ober­schlesien Wohn­sitz hatte, selbst wenn er als Illegaler ausgewiesen worden war. Dies kam den vielen polnischen Arbeits­migranten zugute.

Je näher der Abstimmungstermin heranrückte, desto mehr steigerte sich die Propaganda auf beiden Seiten. Korfanty versuchte, die Menschen mit klassenkämpferischen Argu­menten zu überzeugen. Auch die religiöse Karte wurde gezogen (evangelisches Berlin). Er versprach eine Landreform und die berühmte Kuh. Die gegen die deutschen Gutsbesitzer gerichteten Ziele sollten bei polnischen Land­arbeitern verfangen, während im Industrie­gebiet gegen die Ausbeutung durch deutsche „Schlotbarone” gewettert wurde. Dies erzielte Wirkung bei polnischen Arbeitern, die in großer Zahl nicht nur in das Ruhr­gebiet eingewandert waren, sondern sich auch in Ober­schlesien niedergelassen hatten. Die deutsche Seite entgegnete mit nationalen Argumenten und dem Hinweis auf das Elend in dem wenig entwickelten Polen.

Das Abstimmungsergebnis brachte bei Beteiligung von 97,7 % - für Deutschland 707.500 Stimmen (59,7 %) und 478.800 Stimmen für Polen (40,3 %). Polen hatte sich mehr erhofft, denn es ging davon aus, daß dort, wo „Wasserpolnisch” bei einer Volkszählung als Um­gangs­sprache angegeben worden war, auch polnisch abgestimmt würde. Diese einfache Sprache, die vor allem unter Landarbeitern und in den Vororten der großen Städte (polnische Zuwanderung) der Verständigung bei der Arbeit diente, enthielt zu einem gewissen Teil Elemente der deutschen und der tschechischen Sprache. 60-70 % der Wörter wurden deshalb auch von Polen nicht verstanden. Meist blickten sie hochmütig auf dieses „Wasserpolnisch” herab. Auch die ethnische Zugehörigkeit war nicht allein maß­geblich für das Abstimmungsverhalten, teilweise ging sogar ein Riß durch die Familien.

Korfanty legte den Alliierten schon am 22. März 1921 seinen Teilungsplan vor, der 59,1 % des Abstimmungsgebiets mit 70,1 % der Bevölkerung für Polen vorsah. Der Psychoterror wurde von ihm erheblich gesteigert, um die Bevölkerung aufzuhetzen. Er rief nun auch zur Gewalt auf und behauptete, die „Schlotbarone” wollten Oberschlesien vernichten, nur Pleß und Rybnik sollten an Polen fallen. Die Warschauer Regierung übertrug ihm jetzt die Ver­antwortung für den Truppeneinsatz, hielt sich selbst offiziell zurück, unterstützte ihn aber weiter mit Waffen und Truppen. In der Nacht vom 2./3. Mai schlugen Polen im „3. Aufstand” los. Reguläre Polnische Armeeeinheiten aus Sosnowitz vereinigten sich mit Insurgenten zu einer Streitmacht von 60-80.000 Mann. Unter dem Einsatz von Panzer- und Artillerie-Einheiten wurde das Land innerhalb weniger Tage bis zur „Korfanty-Linie” besetzt. Die Alliierten ließen - bis auf die Italiener - die Polen weitgehend gewähren, errichteten nur Panzer­sperren vor den großen Städten. Die britische Regierung verstärkte Mitte Mai ihr Kontingent um sechs Bataillone. Korfanty war aber insbesondere über eine Rede des britischen Premiers Lloyd George am 13. Mai vor dem Unterhaus besorgt. Er warf Polen vor, vollendete Tatsachen zu schaffen und sagte: „Vom geschichtlichen Standpunkt hat Polen nicht das geringste Recht auf Oberschlesien, da dessen polnischer Bevölkerungs­anteil erst durch neuzeitliche Ein­wanderung aufgrund von Arbeits­gelegenheiten entstand.” Er unter­strich das Recht der Deutschen, sich zu verteidigen und fügte hinzu: „Es ist uner­träglich einem Vorschlag zuzustimmen, der zwei Millionen Deutsche unter Verwaltung eines Volkes stellt, das in der Geschichte gezeigt hat, daß es sich noch nicht einmal selbst regieren kann … Dies muß zu einem neuen Krieg führen.”

Die Hiobsbotschaften über die Not der Deutschen bewirkte, daß viele Freiwillige in Frei­korps nach Oberschlesien strömten. In einer nächtlichen Aktion am 21. Mai griffen Frei­korps mit 3.000 Mann die auf dem Annaberg ver­schanzten Polen an und konnten sie bereits am selben Tag von dort vertreiben. Dieser Sieg hatte großen symbolischen Wert und ver­stärkte den Zerfallsprozeß der polnischen Einheiten, die schon vorher unter Diszi­plin­losig­keiten gelitten hatten, vor allem bei den als Söldner bezahlten Kräften. Obwohl größere polnische Verstärkungen herangeführt wurden, einschließlich Artillerie und Minenwerfer, mußten sich die polnischen Verbände immer schneller zurückziehen. Die Alliierten ordneten angesichts dieser Lage den Rückzug der deutschen Einheiten an. Um dem Nachdruck zu verleihen, zogen sie die Absperrungen um Tarnowitz ab, in das daraufhin polnische Insur­genten eindringen und Gräuel an der deutschen Bevölkerung anrichten konnten. Der deutsche Vormarsch wurde danach gestoppt. Warschau hatte Korfanty mit Blick auf die Weltöffentlichkeit schon am 24. Mai zur Beendigung des Aufstands aufgefordert. Die Alliierten bestimmten, daß sowohl die polnischen wie auch die deutschen Verbände das Abstimmungsgebiet bis zum 5. Juli zu verlassen hätten.

Die deutsche Hoffnung, das Abstimmungsergebnis würde anerkannt, erfüllte sich nicht. Auf Betreiben Frankreichs, dem an einer Schwächung Deutschlands gelegen war, wurde auf Beschluß des Völkerbundes das wichtigste Industriegebiet Polen zugesprochen. Deutschland verlor 3.214 qkm (29 %) des Abstimmungsgebiets und 996.500 (46 %) der 2.212.700 Einwohner. Selbst Kattowitz, das mit 85 % für Deutschland votiert hatte, ging verloren. Polen erhielt 85 % der Kohlenvorräte und 75 % aller Industrieanlagen. Lloyd George hatte sich gegenüber Frankreich und den USA nur sehr begrenzt durchsetzen können.

Nachdem die Abtretung Ostoberschlesiens am 15. Juni 1922 vollzogen war, begann für die Deutschen eine schlimme Zeit der Diskriminierung. Zehntausende wurden ausgewiesen oder flohen vor polnischer Unterdrückung.

Am 30. Mai 1922 tagte der Reichstag unter einer riesigen schlesischen Flagge mit Trauer­flor. Nachdem er sich einer Rechts­verwahrung angeschlossen hatte, erklärte der ober­schlesische Abgeordnete, Prälat Karl Ulitzka, für das Zentrum: „Die Entscheidung über Oberschlesien ist und bleibt ein Rechtsbruch, politisch eine Torheit und wirtschaftlich ein Verbrechen.” Welcher Gegensatz zu dem fast einhelligen Applaus des Deutschen Bundes­tags 1990, nachdem er der Abtretung Ostdeutschlands zugestimmt hatte. Merk­würdig ist allerdings auch die polnische Erinnerung an die Kämpfe in Oberschlesien. Das jährliche Gedenken ist noch immer eine Heldenverehrung für die polnischen Insurgenten, die Tausenden den Tod gebracht hatten.

Beklagenswert auch der Umgang mit den Ereignissen in Oberschlesien bei uns. Im Schlesischen Museum zu Görlitz wird Korfanty geradezu als Opfer dargestellt. Zu ihm heißt es lediglich: „Da er die Wiederherstellung Polens unter Einschluß aller von Polen be­siedel­ter Gebiete wollte, war er Zielscheibe deutscher Propaganda.”

Die Darstellung geschichtlicher Fakten stellt man sich anders vor.

 

Quelle:
Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien e.V. -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, März 2011